Wie es der Schumag gelingt, wieder auf die Beine zu kommen

Seit vier Jahren ist die Aachener Schumag AG wieder auf dem Weg nach oben. Turbulente Zeiten liegen hinter dem börsennotierten Präzisionsteilehersteller. Regionale Investoren sorgen für Netzwerk und Finanzierung, die Vorstände erklären einen ambitionierten Plan.

In den Werkshallen kann man Meter machen. Schier endlose Gänge, 500 Maschinen stehen hier, sie sind alle betriebsbereit. Einige sind noch aus dem Altbestand, ein paar sogar museumsreif, viele mittelalt, überall blitzen aber auch hochmoderne Anlagen heraus; ein interessanter Mix, der vom Wandel kündet.
Auch die Produktionsstrecke von den Stahlrohlingen bis zu Hochpräzisionsbauteilen, für die die Schumag bekannt und gefragt ist, ist weit. Es ist ein langer Weg durch die einzelnen Abteilungen, weichdrehen, härten, fräsen, hartdrehen, schleifen, dann die Endkontrolle. Bis zu 40 Prozessschritte sind im Durchlauf am Standort Schleckheim vorgesehen. Das nimmt Zeit in Anspruch, und es muss auf höchstem Niveau gemacht sein.
Der lange Weg ist ein passendes Bild für die Entwicklung der börsennotierten Schumag: Ein Unternehmen mit 192-jähriger Tradition, 1830 als „Neuss’sche Nadelfabrik“ in den frühen Tagen der Industrialisierung in Aachen gegründet, seit den 60er-Jahren in den Wiesen in Rufnähe zum Oberforstbacher Gewerbegebiet Pascalstraße gelegen, eine Firma, die gute und schlechte Zeiten erlebt und Schlagzeilen geschrieben hat. ,,Skandalumwittert“, so hieß es einmal in unserer Zeitung.

Die Maßnahmen, die wir bei der Schumag in Angriff genommen haben, wirken nun in Summe wie ein Schub für unsere Zukunftspläne.

Johannes Wienands, CEO Schumag AG

Wirtschaftskenner wunderten sich vor ein paar Jahren, dass das Unternehmen die turbulenten Verkäufe und übernahmen durch zum Teil windige internationale Investoren überlebt hat, der heutige Chef spricht von „wirklich wilden Zeiten“, die allerdings vor seinem Amtsantritt lagen.

Eine bewegte Geschichte mit großen Emotionen

Der Abstieg der Schumag begann, als sie 1985 zur Aktiengesellschaft umgewandelt und 1989 mehrheitlich von der Babcock AG übernommen wurde. Zum Firmengeflecht der Babcock gehörten zeitweise mehrere Hundert Firmen. 2002 ging der Konzern als Babcock Borsig AG in die Insolvenz. Bei der bereits angeschlagenen Schumag AG wechselten in den folgenden Jahren die Mehrheitsaktionäre in einer ungesunden Taktung.
Hedge Fonds aus verschiedenen Steuerparadiesen waren darunter, ebenso dubiose internationale Investoren. Auf der Strecke blieb auch (2008) der Stolz der Schumag, die Maschinenbausparte. Der Erlös (dem Vernehmen nach rund 40 Millionen Euro) landete nicht im Unternehmen, das ohnedies fast 20 Jahre lang ohne Investitionen auskommen musste.
Branchenkenner sagen, dass der komplette Untergang verhindert werden konnte, weil keiner der früheren Investoren es schaffte, die Immobilien der Schumag auf dem Firmenareal an fremde Dritte zu verkaufen. Und fast alle unterschätzten den Stolz und die Zähigkeit der Schumag-Beschäftigten, die sich mit Hilfe der Gewerkschaften immer wieder mit Macht gegen den Untergang stemmten.

Die neuen Mehrheitsaktionäre, regionale Investoren allesamt, die ein tiefes Interesse, einen seriösen Plan, ein gutes Netzwerk und den Glauben an Gesundung und Wachstum des Betriebs haben, haben Wienands an die Firmenspitze geholt. Die Geldgeber sind ortsverbunden. Der Aachener Rechtsanwalt Dirk Daniel (CoDa Beteiligungs GmbH) ist der Schumag-Aufsichtsratchef, der Eupener Firmenlenker Yves Noel (Nomainvest) ist ein weiterer Mann der ersten Stunde und heute im Aufsichtsrat. Und seit jüngstem auch der Aachener Unternehmer Thomas Prefi (TPPI GmbH), der als Mitgründer der P3 Ingenieurgesellschaft (heute „Umlaut“-Gruppe) reichlich Expertise und Zuversicht mitbringt.

„Es galt, unsere Finanzen in den Griff zu bekommen, um wieder aktiv steuern zu können“, sagt CEO Wienands. ,,Das war zunächst harte Restrukturierung, hatte aber immer das Ziel, rasch neues Potenzial für Investitionen zu erzeugen. Die Maßnahmen, die wir dazu in Angriff genommen haben, wirken nun in Summe wie ein Schub für unsere Zukunftspläne.“ Und er rechnet hoch: mehr als zehn Millionen Euro wurden alleine in den vier Jahren in die Erneuerung der Fertigung gesteckt.

Seit drei Monaten ist der Vorstand zweiköpfig, Bernhard Mayers ist als COO dazugekommen, ein Produktionsexperte, promovierter Maschinenbauer, lange Zeit am WZL der RWTH tätig, später bei Ford, dann bei Velocity als CEO. ,,Eine der reizvollsten Aufgaben in der regionalen Wirtschaft habe ich hier an der Seite von Johannes Wienands angetreten“, sagt Mayers.
Ein Traditionsunternehmen im Umbruch zu steuern, trotz Corona, trotz Energiekostenexplosion, trotz eines neuen Tarifabschlusses, so sagen es die Vorstände, sei vor allem dann von Wert, wenn man spüre, auf einem guten Kurs zu sein.
„Unsere Technologie-Komplexität macht uns stark“, sagt Mayers, ,,und die hohe Wertschöpfungstiefe.“ Die Präzisionsteile, die bei der Schumag aus der Automobilindustrie, sehr oft von Großfahrzeugherstellern, in Auftrag gegeben werden, müssen höchsten Qualitätsansprüchen genügen. Beim Rundgang nimmt Mayers eine frisch geschliffene Düsennadel in die Hand. ,,Sie wird auf 0,7 µ exakt gefertigt.“ Ein µ ist ein Tausendstel eines Millimeters.

Bauteile für Notstromaggregate, für Großdiesel und Hochdruckpumpen sind Standardanforderungen an die Schumag-Mannschaft. ,,Wir fertigen Teile“, sagt Wienands, ,,die Drücken von bis zu 2700 bar ausgesetzt sind.“

Über zwei Jahrzehnte hatten die Schumag-Firmenleitungen nicht mehr in Menschen, Infrastruktur und Maschinen investiert, bilanzieren Mayers und Wienands, eine strategische Aufstellung, Wachstumspläne, Personalentwicklung habe man komplett vernachlässigt. Der Vorstandschef beschreibt eine Spätfolge: ,,In zehn Jahren verlassen uns rund 25 Prozent unserer Mitarbeiter, weil sie in den Ruhestand gehen. Das Durchschnittsalter der Belegschaft liegt bei 52 Jahren.“
Schritt für Schritt wird die Schumag neu aufgestellt, es gebe dank der Investoren die Langfristperspektive. Mit der Erneuerung des Maschinenparks geht auch die Schulung der Mitarbeiter einher. Methodenwissen und Strukturen sind zwei Schlüsselbegriffe, die fallen. ,,Es ist einfach, eine neue Maschine zu kaufen“, sagt Wienands und blickt auf zwei neue Fräsmaschinen, die jeweils 400.000 Euro kosten. ,,Die Kunst besteht darin, sie sinnvoll, profitabel und effizient zu nutzen.“

Die Gruppe der Ingenieure wurde erweitert, Fachkräfte werden gezielt und mit einem klaren Plan gesucht. 25 Auszubildende hat die Schumag aktuell, sie unterhält gute Kontakte zu Schulen und Hochschulen.
Stichwort Hochschule: Ein Wachstumsplan wird mit dem WZL der RWTH entwickelt, neue Produkte hat eine Kooperation mit dem auf E-Mobilität spezialisierten PEM von TH-Professor Achim Kampker zum Ziel. ,,Wir werden uns ohnedies immer mehr auf Hybridmotoren und die Elektromobilität umstellen“, sagt Mayers.

Neuer Schub durch neue Köpfe und neues Kapital

Wesentlich für die aktuelle Entwicklung der Schumag ist der Einstieg der regionalen Hauptaktionäre Nomainvest mit Yves Noel und CoDa Beteiligungs GmbH mit Dirk Daniel, vor rund vier Jahren. Mit der seit 1994 ersten Kapitalerhöhung der Schumag im Jahr 2019 mit knapp 2, 1 Millionen Euro erfuhr das Traditionsunternehmen einen Schub für die Erneuerung.
Aktuell hat die Aachener TPPI GmbH, hinter der der Aachener Unternehmer Thomas Prefi (Mitgründer der P3 Ingenieurgesellschaft, heute Umlaut-Gruppe) steht, 25 Prozent der Aktien im Wege einer weiteren Kapitalerhöhung übernommen.
Mit der Kapitalerhöhung schließt CEO Johannes Wienands mit seiner Mannschaft eine mit seinem Beginn bei der Schumag im letzten Jahr gestartete Finanzierungsrunde ab.
Ein unbebautes Grundstück wurde verkauft, einige Immobilien an die Schumag­eigene Immobiliengesellschaft veräußert, wesentlich ist zudem die Gründung des Business Parks durch die Vermietung von Büroflächen und Hallen auf dem Schumag-Gelände. Ziel sei es, so Wienands, sich mit den zehn Firmen und ihren 350 Mitarbeitenden zu vernetzen. Verschiedene Sparten, von Digitalisierung bis Produktion, lassen Synergien entstehen und machen Innovationen wechselseitig möglich, sagt er.

Der Reiz und die Motivation, bei der Schumag ins Management einzusteigen, erschließt sich aus dem Plan, den die Vorstände im Gespräch und beim Rundgang schildern und belegen. Auch das Miteinander sei ein wesentlicher Faktor, sagen sie. Sie sprechen viel über die Mitarbeiter, vom gemeinsamen Weg. In den Hallen ist es ein fortwährendes freundliches Grüßen, kurze Gespräche, ein Schulterklopfen. Der Stolz spricht aus jeder Begegnung und aus solchen Sätzen: ,,Das ist wirklich Hightech, was wir hier machen, und unsere Leute haben das im Griff“, sagt Wienands.

Und die Herausforderungen? ,,Es geht darum, den eingeschlagenen Weg klar fortzusetzen“, sagt Mayers. Und den Widrigkeiten zu trotzen: ,,Wir sind noch in der Transformation und müssen gut kalkulieren.“ Im aktuellen Geschäftsjahr ist noch kein Gewinn vorgesehen. Der Umsatz, der in den ersten Corona-Jahren bei 30 Millionen Euro lag, ist auf 50 Millionen gestiegen. Zwischenzeitlich mussten 100 Leute entlassen werden, sie sind jetzt wieder an Bord. Das Ziel ist klar: gesundes Wachstum bis zum 200. Geburtstag, bis 2030, und darüber hinaus.

Die zwischen den Tarifparteien vereinbarte Lohnerhöhung gilt es zu kompensieren. Schumag und die IG Metall in Aachen sind nach Aussage beider Parteien stets gut im Gespräch. Der 1. Bevollmächtigte der IG Metall vor Ort, Achim Schyns, hält fest:
,,Schumag gehört wie auch Talbot zu den traditionsreichsten Betrieben der Stadt. Durch die Tarifbindung mit der IG Metall sind gute Entgelte und Arbeitszeiten vereinbart. Mit Standortsicherungstarifverträgen konnten sehr schwierige Zeiten überwunden werden.“ Aktuell wachse die Belegschaft weiter. Faire und geregelte Arbeitsbedingungen, ,,vereinbart mit Betriebsräten und Gewerkschaften, sind sicherlich ein Wettbewerbsvorteil bei der Anwerbung weiterer Arbeitskräfte“.
Wienands sagt es so: ,,Ich habe Verständnis für die Leute, das Geld im Portemonnaie wird immer knapper.“ Aber: ,,Wir haben allerdings auch eine gewaltige Belastung durch die steigenden Energiekosten zu stemmen.“ Er gewährt den Blick in die Zahlen: Rund 140.000 Euro bezahlte die Schumag bislang für Strom und Gas pro Monat, aktuell sind es 500.000.
Bei allem bleiben die Firmenlenker zuversichtlich. Sie haben sich auf einen weiten Weg begeben, ein großes Stück der Strecke ist absolviert.

Über die SCHUMAG AG

Die SCHUMAG AG ist ein börsennotiertes Unternehmen mit rund 380 Mitarbeitern, dessen Präzisionsprodukte in Aachen „Made in Germany“ gefertigt und von hier aus in 20 Länder exportiert werden. SCHUMAG verfügt auf 35.000 qm Produktionsfläche in der Nähe von Aachen über eine breite Palette an Fertigungsverfahren, sodass mit Hilfe von über 500 Maschinen Kundenwünsche zügig und prozesssicher umgesetzt werden können. SCHUMAG ist nach ISO TS 16949 und DIN EN ISO 9001 zertifiziert. Die Aktienmehrheit halten Investoren aus Aachen und Eupen.

SCHUMAG Aktiengesellschaft
Nerscheider Weg 170
D-52076 Aachen

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